Die Kieler Skandinavien-Sammlung in der Zeit des Nationalsozialismus

Die nationalsozialistische Machtübernahme wirkte sich unmittelbar auf die Universitätsbibliothek Kiel aus. Eine jüdische Bibliotheksrätin, Dr. Klara Stier-Somlo, wurde bereits 1933 aus dem Dienst entlassen. Auch der umtriebige Direktor Christoph Weber, ein gläubiger Katholik, der nicht konformistisch eingestellt war, wurde den Nationalsozialisten bald unbequem und deswegen 1935 degradiert und nach Königsberg versetzt.

Olaf Klose, unterdessen in Kiel und Berlin für den wissenschaftlichen Bibliotheksdienst ausgebildet, blieb Skandinavien jedoch weiter verbunden. Von September 1933 bis Mai 1935 ließ er sich sogar beurlauben, um an der Universität Kopenhagen als Lektor zu arbeiten. Im Herbst 1935 kehrte Klose als planmäßiger Bibliothekar nach Kiel zurück. Den Sommer desselben Jahres hatte er als Austauschbibliothekar an der Universitätsbibliothek Oslo verbracht, und im Gegenzug hatte der norwegische Bibliothekar Sverre Holm in Kiel das deutsche Bibliothekswesen kennengelernt. Zurück an der Christian-Albrechts-Universität wurde Klose nun zuständig für Betreuung und Ausbau der Skandinavien-Sammlung.

Nachfolger des geschassten Direktors Weber wurde sein früherer Stellvertreter Herbert Oberländer. Er erreichte beim zuständigen Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Einrichtung eines jährlichen Sonderfonds für den Erwerb skandinavischer Bücher durch die Kieler Universitätsbibliothek. Der Erfolg Oberländers lässt sich wohl mit dem nationalsozialistischen Interesse an Skandinavien beziehungsweise dem „Germanentum“ im Allgemeinen begründen. Insgesamt verschlechterte sich das Klima für die Erwerbung ausländischer Literatur für die deutschen Bibliotheken. Nach 1936 mussten sogar alle Bestellungen von Auslandsliteratur von der Gestapo genehmigt werden, noch schwieriger wurden die Erwerbungsverhältnisse nach Kriegsbeginn. Für die Skandinavien-Sammlung jedoch entstand hier ein gewisser Spielraum, der es Klose 1942 erlaubte, auf einer Forschungsreise ins besetzte Kopenhagen dänische Literatur zu erwerben.

In Kiel versuchte man weiterhin so viele skandinavische Publikationen wie möglich zu sammeln. Dies galt für Literatur aus dem neutralen Schweden, aber auch aus Dänemark und Norwegen, die ab 1940 unter deutscher Besatzung standen Dabei wandte man sich sowohl an die deutschen Besatzungsbehörden als auch an die dortigen einheimischen Verlage. Vor Ort in Kiel bediente man das Interesse am „Nordischen“ und veröffentlichte mehrere Auswahllisten skandinavischer Literatur. Auf der Universitätswoche 1939 veranstaltete die Universitätsbibliothek eine Ausstellung zu „Land und Volk in Skandinavien“. Große Unterstützung erfuhr die Universitätsbibliothek weiterhin durch die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft. Sie gab Geld für den Ankauf wichtiger Objekte oder die Beschäftigung von Personal zu Katalogisierungszwecken. Diese Förderung sorgte dafür, dass bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein die Sondersammlung noch weiter gepflegt werden konnte.

Am 29. April 1942 erreichten die Schrecken des Krieges die Universitätsbibliothek allerdings mit voller Wucht. Bei einem alliierten Luftangriff wurde der Magazinbau der Bibliothek völlig zerstört, über 250.000 Bücher fielen dem Bombardement zum Opfer. Die skandinavische Sammlung wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, besonders hart traf es die Islandica, die zu 30 Prozent zerstört wurden. Bei einem weiteren Angriff zwei Jahre später wurde der Luftschutzkeller der Bibliothek zerstört. Fünf Mitarbeiter der Bibliothek, unter ihnen Direktor Oberländer, fanden den Tod. Die verbliebenen Bestände wurden nun eiligst evakuiert. Die Universitätsbibliothek und die Christian-Albrechts-Universität lagen in Trümmern.