Der Sammelschwerpunkt Skandinavien während der Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg war es für deutsche Bibliotheken schwer, ausländische Literatur zu erwerben. Durch die Inflation wurden die ohnehin schon knappen Budgets bei Auslandsbestellungen zusätzlich geschmälert. Dazu war das Verhältnis zu vielen Ländern durch den Krieg schwer belastet. Die 1920 gegründete Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft griff daher die preußische Idee der Sondersammelgebiete wieder auf. An die Tradition anknüpfend definierte die Notgemeinschaft den Sammelauftrag der Universitätsbibliothek Kiel als „Nordischer Kulturkreis“ und unterstützte die Bibliothek durch Sondermittel beim Erwerb von Literatur aus den nordischen Ländern.

Christoph Weber, der von 1924 bis 1935 die Universitätsbibliothek als Direktor leitete, machte den Ausbau der skandinavischen Sammlung zu seinem besonderen Anliegen. Seine Vision war es, „DIE skandinavische Bibliothek Deutschlands“ aufzubauen. Er schaffte es immer wieder, zusätzliche Mittel von der Notgemeinschaft einzuwerben. Große Unterstützung erfuhr die Bibliothek zusätzlich durch die 1918 gegründete Schleswig-Holsteinische Universitäts-Gesellschaft. Im großen Maße profitierte man in Kiel auch von Buchgeschenken aus den USA sowie den nordischen Ländern selbst. Unermüdlich wurden Briefe nach Skandinavien geschickt, in denen um die Übersendung der neuesten Publikationen gebeten wurde. Dabei kamen der Bibliothek persönliche Kontakte zugute, beispielsweise zu dem damaligen schwedischen Reichsbibliothekar Isak Collijn.

Die regelrechte Sammelwut der Universitätsbibliothek stand im Einklang mit dem allgemeinen Trend in Deutschland, die Kulturbeziehungen mit Skandinavien intensivieren zu wollen. In Kiel fanden der deutsch-nordische Universitätstag und die nordisch-deutsche Woche für Kunst und Wissenschaft statt. Die Universitätsbibliothek beteiligte sich 1929 mit Ausstellungen und einem Verzeichnis der laufenden nordischen Zeitschriften und Zeitungen. Direktor Weber verfasste gemeinsam mit dem Bibliotheksrat Rudolf Bülck einen Aufsatz zum Thema: „Die Universitätsbibliothek Kiel und die nordischen Länder“.

Etwa zur selben Zeit hatte ein junger Wissenschaftler begonnen, sich um die skandinavische Sammlung der Universitätsbibliothek zu kümmern: Olaf Klose war schon als Student in Skandinavien unterwegs gewesen und wurde 1927 mit einer Arbeit zum Thema „ Die Familienverhältnisse auf Island vor der Bekehrung zum Christentum auf Grund der Islendinasogur“ zum Doktor phil. promoviert. Weber erkannte das Potenzial Kloses und stellte den Islandkenner als wissenschaftlichen Hilfsarbeiter ein. Seine Arbeit konnte Klose schließlich mit einem Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft fortführen. Ziel war die Katalogisierung der zwei bedeutenden deutschen Islandica-Sammlungen – an der Kieler Bibliothek und an der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Kloses Islandkatalog sollte anlässlich des 1000jährigen Jubiläums des isländischen Parlaments im Jahre 1930 veröffentlicht werden, konnte aber aufgrund finanzieller Engpässe erst 1931 gedruckt werden. Das Ringen um die Finanzierung des Islandkatalogs illustriert die finanziellen Nöte, in denen die Bibliothek steckte. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre hatte zu Etatkürzungen geführt, von denen auch die Kieler Sondersammlung nicht verschont blieb.