Von Fanø bis zur Nordkalotte – Eine Einführung in die Ausstellung

Von Fanø bis zur Nordkalotte – und nördlich wie südlich sogar noch weiter: Literatur aus und über Skandinavien zu sammeln, ist an der Universitätsbibliothek Kiel zu einer wichtigen Tradition geworden. 
 
Nach der ersten skandinavischen Schenkung – einer Inkunabel aus dem Jahr 1498 – an die Bordesholmer Klosterbibliothek, die sich heute im Besitz  der Universitätsbibliothek  befindet, setzte im 18. Jahrhundert eine bewusste Sammeltätigkeit von Literatur aus und über Skandinavien ein und wird trotz vieler Widrigkeiten bis heute ununterbrochen fortgesetzt. 
 
Derzeit umfasst der Bestand des Sondersammelgebietes ca. 175.000 Bände, zu denen jährlich etwa 3500 Bände hinzukommen. Hinzu kommen rund 750 laufend gehaltene Zeitschriften und Jahrbücher sowie die kontinuierlich wachsende Sammlung von Volltexten und frei zugänglichen Datenbanken. Geographisch wird mittlerweile wissenschaftlich relevante Literatur aus und über Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, den Färöer-Inseln sowie Grönland gesammelt. Inhaltlich umfasst die Sammlung die Philologien, Volkskunde, Geschichte, Vor- und Frühgeschichte, Politik, Anthropogeographie und Länderkunde. 
 
Auf die historische Entwicklung vom Sammelschwerpunkt zum Sondersammelgebiet Skandinavien geht die Ausstellung mit sechs Ausstellungspostern zu den einzelnen Zeitabschnitten seit dem Anfang der bewussten Sammeltätigkeit ein. 
 
Die inhaltliche Bandbreite der Literatur umfassend aufzuzeigen, fiel uns schon schwerer. Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden, einzelne fachliche Schwerpunkte auf Postern und anhand von Ausstellungsstücken kurz anzureißen.
 
Neben der Literatur und dem Zugang zu online vorhandenen Informationen wie Datenbanken lebt die tägliche Arbeit im Sondersammelgebiet Skandinavien Ende 2015 von den zahlreichen Kontakten zu den Nordeuropaforschenden an den deutschen Universitäten und zu den Informationsdienstleistern in den skandinavischen Ländern, wie zum Beispiel den Nationalbibliotheken.
  

Die Anfänge der Kieler Skandinavien-Sammlung

Bereits mit der Gründung der Christian-Albrechts-Universität (CAU) 1665 wurde auch die Universitätsbibliothek eingerichtet. Die Anfänge der Sammlung skandinavischer Literatur liegen im 18. Jahrhundert: 1773 fiel der gottorfische Anteil des Herzogtums Holstein an Dänemark und damit wurde die Kieler Universität die südlichste Universität des Dänischen Gesamtstaats. Die Bibliothek profitierte von Dublettenabgaben der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen und zahlreichen Geldgeschenken des Königs.  
 
Der dänische König stellte ab 1811 sogar einen jährlichen Betrag von 100 Reichstalern zur Erwerbung dänischer Literatur zur Verfügung. Hintergrund war die Berufung des ersten außerordentlichen Professors für dänische Philologie, Jens Baggesen (1764-1826), nach Kiel. Der Dichter lehrte zwar nur drei Jahre an der Kieler Universität, nutzte in dieser Zeit den Etat jedoch, um den Bestand an dänischen Büchern zu vermehren. In diesem Sinn markiert seine Tätigkeit den Anfang eines bewussten Auf- und Ausbaus des Skandinavien-Bestands. Teile von Baggesens Nachlass liegen bis heute in der Universitätsbibliothek.  
 
Auf Baggesen folgten weitere dänische Literaten, die an der Kieler Universität lehrten. Sie wirkten als außerordentliche Professoren oder Lektoren, 1846 wurde der Schriftsteller Carsten Hauch (1790-1872) sogar als ordentlicher Professor für Nordische Literatur nach Kiel berufen. In den folgenden Jahren geriet die Stelle allerdings in den Strudel des sich zuspitzenden Nationalitätenkonflikts zwischen Deutschen und Dänen. Als Folge der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848, des Deutsch-Dänischen Krieges von 1864 und des Deutschen Krieges von 1866 wurde Schleswig-Holstein schließlich eine Provinz Preußens. Nichtsdestotrotz förderte man weiterhin die wissenschaftliche Beschäftigung mit den skandinavischen Ländern: 1865 wurde ein Lehrstuhl für Nordische Sprachen und Literatur mit Theodor Möbius (1821-1890) besetzt. Der CAU kam damit im 19. Jahrhundert eine Pionierrolle zu. Möbius verdankt die Bibliothek zudem einen Grundstock von rund 1100 Bänden ihrer vor dem Zweiten Weltkrieg sehr bedeutenden Sammlung an isländischer Literatur. 
 
Die Zugehörigkeit zu Preußen wirkte sich auch auf die Universitätsbibliothek aus: Sie wurde in die Bibliotheksreformen der preußischen Verwaltung miteinbezogen. Die Reformen zielten vor allem darauf ab, das preußische Bibliothekssystem zu vereinheitlichen und zu vernetzen, um so Effizienzsteigerungen zu erreichen. Teil dieser Reformen war die Einrichtung von Sammelschwerpunkten an einzelnen Universitätsbibliotheken. 
 
Angesichts der steigenden nationalen und internationalen Buchproduktion war es für eine einzelne Bibliothek alleine nicht mehr möglich, wissenschaftliche Literatur umfassend zu sammeln. Daher trafen die preußischen Universitätsbibliotheken unter Führung des Kultusministeriums ab 1910 Erwerbungsabsprachen. Kiel gehörte zu den ersten Bibliotheken, denen eine klar umrissene Sammelaufgabe zugewiesen wurde. Aufgrund der geographischen Nähe und der historischen Beziehungen zu Dänemark wurde der Universitätsbibliothek die Nordische Philologie zugewiesen, und sie erhielt im Zuge dessen Sondermittel zur Anschaffung  von Neuerscheinungen aus den nordischen Ländern von der preußischen Regierung.  

Der Sammelschwerpunkt Skandinavien während der Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg war es für deutsche Bibliotheken schwer, ausländische Literatur zu erwerben. Durch die Inflation wurden die ohnehin schon knappen Budgets bei Auslandsbestellungen zusätzlich geschmälert. Dazu war das Verhältnis zu vielen Ländern durch den Krieg schwer belastet. Die 1920 gegründete Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft griff daher die preußische Idee der Sondersammelgebiete wieder auf. An die Tradition anknüpfend definierte die Notgemeinschaft den Sammelauftrag der Universitätsbibliothek Kiel als „Nordischer Kulturkreis“ und unterstützte die Bibliothek durch Sondermittel beim Erwerb von Literatur aus den nordischen Ländern.

Christoph Weber, der von 1924 bis 1935 die Universitätsbibliothek als Direktor leitete, machte den Ausbau der skandinavischen Sammlung zu seinem besonderen Anliegen. Seine Vision war es, „DIE skandinavische Bibliothek Deutschlands“ aufzubauen. Er schaffte es immer wieder, zusätzliche Mittel von der Notgemeinschaft einzuwerben. Große Unterstützung erfuhr die Bibliothek zusätzlich durch die 1918 gegründete Schleswig-Holsteinische Universitäts-Gesellschaft. Im großen Maße profitierte man in Kiel auch von Buchgeschenken aus den USA sowie den nordischen Ländern selbst. Unermüdlich wurden Briefe nach Skandinavien geschickt, in denen um die Übersendung der neuesten Publikationen gebeten wurde. Dabei kamen der Bibliothek persönliche Kontakte zugute, beispielsweise zu dem damaligen schwedischen Reichsbibliothekar Isak Collijn.

Die regelrechte Sammelwut der Universitätsbibliothek stand im Einklang mit dem allgemeinen Trend in Deutschland, die Kulturbeziehungen mit Skandinavien intensivieren zu wollen. In Kiel fanden der deutsch-nordische Universitätstag und die nordisch-deutsche Woche für Kunst und Wissenschaft statt. Die Universitätsbibliothek beteiligte sich 1929 mit Ausstellungen und einem Verzeichnis der laufenden nordischen Zeitschriften und Zeitungen. Direktor Weber verfasste gemeinsam mit dem Bibliotheksrat Rudolf Bülck einen Aufsatz zum Thema: „Die Universitätsbibliothek Kiel und die nordischen Länder“.

Etwa zur selben Zeit hatte ein junger Wissenschaftler begonnen, sich um die skandinavische Sammlung der Universitätsbibliothek zu kümmern: Olaf Klose war schon als Student in Skandinavien unterwegs gewesen und wurde 1927 mit einer Arbeit zum Thema „ Die Familienverhältnisse auf Island vor der Bekehrung zum Christentum auf Grund der Islendinasogur“ zum Doktor phil. promoviert. Weber erkannte das Potenzial Kloses und stellte den Islandkenner als wissenschaftlichen Hilfsarbeiter ein. Seine Arbeit konnte Klose schließlich mit einem Stipendium der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft fortführen. Ziel war die Katalogisierung der zwei bedeutenden deutschen Islandica-Sammlungen – an der Kieler Bibliothek und an der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Kloses Islandkatalog sollte anlässlich des 1000jährigen Jubiläums des isländischen Parlaments im Jahre 1930 veröffentlicht werden, konnte aber aufgrund finanzieller Engpässe erst 1931 gedruckt werden. Das Ringen um die Finanzierung des Islandkatalogs illustriert die finanziellen Nöte, in denen die Bibliothek steckte. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre hatte zu Etatkürzungen geführt, von denen auch die Kieler Sondersammlung nicht verschont blieb.

Die Kieler Skandinavien-Sammlung in der Zeit des Nationalsozialismus

Die nationalsozialistische Machtübernahme wirkte sich unmittelbar auf die Universitätsbibliothek Kiel aus. Eine jüdische Bibliotheksrätin, Dr. Klara Stier-Somlo, wurde bereits 1933 aus dem Dienst entlassen. Auch der umtriebige Direktor Christoph Weber, ein gläubiger Katholik, der nicht konformistisch eingestellt war, wurde den Nationalsozialisten bald unbequem und deswegen 1935 degradiert und nach Königsberg versetzt.

Olaf Klose, unterdessen in Kiel und Berlin für den wissenschaftlichen Bibliotheksdienst ausgebildet, blieb Skandinavien jedoch weiter verbunden. Von September 1933 bis Mai 1935 ließ er sich sogar beurlauben, um an der Universität Kopenhagen als Lektor zu arbeiten. Im Herbst 1935 kehrte Klose als planmäßiger Bibliothekar nach Kiel zurück. Den Sommer desselben Jahres hatte er als Austauschbibliothekar an der Universitätsbibliothek Oslo verbracht, und im Gegenzug hatte der norwegische Bibliothekar Sverre Holm in Kiel das deutsche Bibliothekswesen kennengelernt. Zurück an der Christian-Albrechts-Universität wurde Klose nun zuständig für Betreuung und Ausbau der Skandinavien-Sammlung.

Nachfolger des geschassten Direktors Weber wurde sein früherer Stellvertreter Herbert Oberländer. Er erreichte beim zuständigen Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Einrichtung eines jährlichen Sonderfonds für den Erwerb skandinavischer Bücher durch die Kieler Universitätsbibliothek. Der Erfolg Oberländers lässt sich wohl mit dem nationalsozialistischen Interesse an Skandinavien beziehungsweise dem „Germanentum“ im Allgemeinen begründen. Insgesamt verschlechterte sich das Klima für die Erwerbung ausländischer Literatur für die deutschen Bibliotheken. Nach 1936 mussten sogar alle Bestellungen von Auslandsliteratur von der Gestapo genehmigt werden, noch schwieriger wurden die Erwerbungsverhältnisse nach Kriegsbeginn. Für die Skandinavien-Sammlung jedoch entstand hier ein gewisser Spielraum, der es Klose 1942 erlaubte, auf einer Forschungsreise ins besetzte Kopenhagen dänische Literatur zu erwerben.

In Kiel versuchte man weiterhin so viele skandinavische Publikationen wie möglich zu sammeln. Dies galt für Literatur aus dem neutralen Schweden, aber auch aus Dänemark und Norwegen, die ab 1940 unter deutscher Besatzung standen Dabei wandte man sich sowohl an die deutschen Besatzungsbehörden als auch an die dortigen einheimischen Verlage. Vor Ort in Kiel bediente man das Interesse am „Nordischen“ und veröffentlichte mehrere Auswahllisten skandinavischer Literatur. Auf der Universitätswoche 1939 veranstaltete die Universitätsbibliothek eine Ausstellung zu „Land und Volk in Skandinavien“. Große Unterstützung erfuhr die Universitätsbibliothek weiterhin durch die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft. Sie gab Geld für den Ankauf wichtiger Objekte oder die Beschäftigung von Personal zu Katalogisierungszwecken. Diese Förderung sorgte dafür, dass bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein die Sondersammlung noch weiter gepflegt werden konnte.

Am 29. April 1942 erreichten die Schrecken des Krieges die Universitätsbibliothek allerdings mit voller Wucht. Bei einem alliierten Luftangriff wurde der Magazinbau der Bibliothek völlig zerstört, über 250.000 Bücher fielen dem Bombardement zum Opfer. Die skandinavische Sammlung wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, besonders hart traf es die Islandica, die zu 30 Prozent zerstört wurden. Bei einem weiteren Angriff zwei Jahre später wurde der Luftschutzkeller der Bibliothek zerstört. Fünf Mitarbeiter der Bibliothek, unter ihnen Direktor Oberländer, fanden den Tod. Die verbliebenen Bestände wurden nun eiligst evakuiert. Die Universitätsbibliothek und die Christian-Albrechts-Universität lagen in Trümmern.

Neuanfang als Sondersammelgebiet Skandinavien

Die Universitätsbibliothek Kiel hatte im Krieg stark gelitten. Nach Kriegsende wurden die ausgelagerten Bücher schrittweise in das notdürftig ausgebesserte Bibliotheksgebäude in der Brunswiker Straße zurückgebracht. Bereits im Sommersemester 1946 konnte der Lesesaal wieder eröffnet werden. Es sollte jedoch noch weitere Jahre dauern, bis schließlich das Gebäude 1951 wieder in vollem Maße als Bibliothek genutzt werden konnte. In die Skandinavien-Sammlung hatten die Bomben große Lücken gerissen. Trotz aller Nöte der unmittelbaren Nachkriegszeit unternahm die Bibliothek so bald als möglich Anstrengungen, verlorene Bestände wiederzubeschaffen und die Sammlung mit aktuellen Neuerscheinungen auszubauen.  
 
Olaf Klose machte 1948 eine Erwerbungsreise nach Dänemark, wo er sich mit hochrangigen Vertretern des dänischen Bibliothekswesens traf, unter anderem dem Reichsbibliothekar Sven Dahl. Auf diese Weise erlangte er großzügige Büchergeschenke für die Universitätsbibliothek und bereitete die Wiederaufnahme der alten Tauschbeziehungen vor. Zusätzlich kontaktierte Klose dänische Buchhändler und Antiquariate, um Geschäftsbeziehungen aufzubauen. 
 
Auch aus den anderen nordischen Ländern gab es zahlreiche Bücherspenden. Ein besonderes Beispiel ist der isländische Buchhändler Birgir Kjaran, der in Kiel studiert hatte und nun half, die Verbindung nach Island wiederherzustellen. Nach und nach konnte die Universitätsbibliothek Kiel somit an ihre traditionell intensiven Beziehungen nach Nordeuropa wieder anknüpfen. 
 
Das Jahr 1949 war für den Skandinavienschwerpunkt an der Universitätsbibliothek Kiel in zweierlei Hinsicht bedeutend: Zum einen beendete Olaf Klose, der die Sammlung lange Jahre geprägt hatte, seine Tätigkeit und wechselte als Direktor an die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek. Zum anderen gründete sich die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (ab 1953 Deutsche Forschungsgemeinschaft) neu und nahm die Förderung von Sammelschwerpunkten an einzelnen Bibliotheken wieder auf. Im Rahmen des Sondersammelgebietsplans beantragte die Universitätsbibliothek Kiel gemäß ihrer Tradition, die Betreuung des „Nordischen Kulturkreises“ mit den Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen und Island übernehmen zu dürfen. Anders als früher wurden jedoch die Teilbereiche Schweden und Island aus dem Plan herausgenommen. Island, das an die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln gegangen war, holte der Direktor der Universitätsbibliothek Heinrich Grothues noch im selben Jahr nach Kiel zurück.   
 
Die Wiedereingliederung Schwedens in das Sondersammelgebiet Skandinavien zog sich dagegen bis 1963 hin. Der Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg hatte gute Kontakte nach Schweden, außerdem koordinierte die SUB Hamburg in den Nachkriegsjahren skandinavische Bücherspenden an die deutschen Bibliotheken. Erst als diese Tätigkeiten mit den Jahren an Bedeutung verloren, gelang es nach langen Verhandlungen zwischen Kiel, Hamburg und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den  Sammelauftrag für schwedische Literatur zurückzuholen. 

Das SSG Skandinavien von 1964 bis in die 1990er Jahre: Verstetigung und Ausbau

Nachdem das Sondersammelgebiet Skandinavien seit 1963 wieder alle Länder umfasste, die in den ursprünglichen Sammelauftrag zu Beginn des Jahrhunderts eingegangen waren, folgte in den nächsten Jahren eine Phase der Verstetigung und des Ausbaus der Sammel- und Informationstätigkeit. 
 
Das gesamte System der Sondersammelgebiete etablierte sich als fester Bestandteil in der deutschen Bibliothekslandschaft. Dabei rückte nicht nur die möglichst umfassende Sammlung der Literatur des jeweiligen Sammlungsschwerpunktes in den Mittelpunkt der Arbeit des Sondersammelgebiets, sondern auch die Pflicht, die mit Unterstützung durch die DFG erworbene Literatur deutschlandweit über die konventionelle Fernleihe zur Verfügung zu stellen. Hinzu traten im Laufe der Jahre immer klarer umrissene weitere Aufgabenfelder insbesondere im Bereich der Bestandserhaltung und der Langzeitarchivierung. 
 
An der Universitätsbibliothek Kiel begann am Ende der 1970er Jahre die Vorbereitung für einen Meilenstein in der Bibliotheksentwicklung, nämlich die Umstellung von einer Magazin- zu einer Freihandbibliothek. Um die Bücher zukünftig in einer systematischen Aufstellung direkt zugänglich und ausleihbar machen zu können, wurde das Kieler System der Sacherschließung entwickelt, das mit den beiden Bereichen „nor“ (Philologie) und „ska“ (Geschichte, Volkskunde, Landeskunde, Politik) einen tief gegliederten systematischen Rechercheeinstieg zu nordeuropäischen Themen bietet. Diese damals im Vorgriff auf die seit 2001 umgesetzte Freihandaufstellung entwickelte Systematik ist bis heute im Einsatz und wird laufend den Entwicklungen in der Nordeuropaforschung angepasst.   
    
Organisatorisch entstand in dieser Zeit für die Erwerbung und Katalogisierung der skandinavischen Literatur ein eigenes Dezernat. Aufgrund der besonderen Erwerbungsroutinen wurde in dieser Abteilung der integrierte Geschäftsgang eingeführt. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass Erwerbung und Katalogisierung einzelner Bücher in der Hand ein und derselben Person liegen. So konnten seit diesem Zeitpunkt eigene Erwerbungsabläufe für jedes Land entwickelt werden, die jeweils von einer Katalogmitarbeiterin mit tiefgehenden Kenntnissen der jeweiligen Länder und deren Sprachen betreut werden. Aus dem Dezernat des SSG Skandinavien entwickelte sich seit dieser Zeit eine kleine „Fachabteilung“ für Literaturerwerbung aus den skandinavischen Ländern, deren Fachkompetenz eine gute Basis für die Überführung des Sondersammelgebiets in einen Fachinformationsdienst bildet. 

Vom Sondersammelgebiet zum Fachinformationsdienst

Mit dem rasanten Fortschritt in der Informations- und Kommunikationstechnologie der letzten Jahrzehnte haben sich für die Bibliothekswelt völlig neue Herausforderungen ergeben. Suchmaschinen und Online-Informationsdienstleister haben die Informationsversorgung revolutioniert. Publiziert wird zunehmend elektronisch und im Netz, alternative Publikationsplattformen wie Blogs oder soziale Netzwerke spielen eine wichtige Rolle. Den Bibliotheken erwächst aus der für den Einzelnen nur schwer zu durchdringenden Informationsflut eine neue spannende Aufgabe als „Lotse“ durch den Informationsdschungel.

Dieser Umbruch zur digitalen Welt wurde auch für die Sondersammelgebiete zu einem entscheidenden Einschnitt. Seit den 1990er Jahren förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft daher zunächst die Idee, mit virtuellen Fachbibliotheken Online-Portale für den Zugriff auf analoge und digitale Informationsressourcen einer Fachdisziplin unabhängig von ihrem Herkunftsort zu schaffen. Der Onlinegang der Virtuellen Fachbibliothek Nordeuropa und Ostseeraum („vifanord“) im Jahr 2008 markierte für das SSG Skandinavien einen Wendepunkt. Mit der Integration zahlreicher Onlineangebote in die Metasuche der vifanord, die in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Universitätsbibliothek Greifswald (SSG Baltische Länder) und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SSGs Finnland und Estnisch) aufgebaut wurde, konnte der hohen Affinität der skandinavischen Länder zu Onlinemedien erstmals intensiv Rechnung getragen werden.

Gleichzeitig bot der Aufbau des Portals die Möglichkeit, die Kontakte sowohl zu den Nordeuropaforschenden in Deutschland als auch zu den skandinavischen Informationsanbietern wie den Nationalbibliotheken gezielt zu intensivieren. Das in dieser Zeit entstandene Kontaktnetz wurde seither kontinuierlich ausgebaut und liefert wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung der im Rahmen der vifanord entwickelten Dienstleistungen. Ein Beispiel für solche Dienstleistungen ist die Rubrik „Fundstücke aus dem SSG Skandinavien“ im „Nordic History Blog“, anhand derer das SSG interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kontinuierlich über Neuigkeiten aus der skandinavischen Informationslandschaft informiert.

Vor dem Hintergrund des digitalen Wandels hat sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft nach einer Evaluierung des Systems der Sondersammelgebiete 2011 entschlossen, diese abzulösen und in einer Übergangsphase in das Förderprogramm der „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft (FIDs)" zu überführen. Wie der Name impliziert, liegt das Kerngeschäft eines FIDs nicht länger in der möglichst umfassenden Sammlung gedruckter Literatur, sondern im Aufbau eines Dienstleistungsangebotes für die Wissenschaft, das eng angelehnt an den Bedarf der „Zielgruppe“ eines FIDs entwickelt wird.

Der Universitätsbibliothek Kiel wurde der Antrag zur Förderung des Aufbaus eines FID Nordeuropa zu Beginn des Jahres 2016 bewilligt. Im Zentrum der Arbeit des neuen FIDs stehen neben der gezielten Fortführung des Sammelauftrages im Print- und Onlinebereich mehrere Pilotprojekte, beispielsweise im Bereich der Digitalisierung und des Forschungsdatenmanagements. Die Universitätsbibliothek Kiel möchte die Chance nutzen, neue Dienstleistungen zu entwickeln, die aber allesamt auf der Jahrhunderte alten Sammeltradition aufbauen, welche zu allen Zeiten von den engen Kontakten der Bibliothek in die skandinavischen Länder beflügelt wurde.